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Windpark Sanauer Helmer

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Windpark Sanauer Helmer

Stellungnahme des NABU Delmenhorst und des NABU Ganderkesee zu dem geplanten Windpark Sannauer Helmer:

Die Gemeinde Ganderkesee plant mit den Bebauungsplänen Nr. 233 (Forschungswindpark) und Nr. 234 (Windpark) im Bereich Sannauer Helmer insgesamt 14 große Windenergieanlagen zu bauen. Gleichzeitig plant die Gemeinde Lemwerder (Bebauungsplan Nr. 1-31) 19 große Windenergieanlagen zu bauen. Es wird ein interkommunaler Windpark mit 33 Windenergieanlagen auf ca. 796 ha planerisch vorbereitet. 335 ha gehören davon zum Gemeindegebiet von Ganderkesee.

Das insgesamt betroffene Gebiet mit den Randbereichen hat nach verschiedenen Gutachten (Diekmann & Mosebach 2010) in Teilen eine landesweite Bedeutung als Rastgebiet für den Kiebitz (maximal wurden im gesamten Untersuchungsgebiet bis zu 5300 Exemplare gezählt) und ist ein wichtiger Rastplatz für die Saatgans (550 Ex.). Es ist auch wichtiges Brutgebiet für Wiesenvögel (2 BP – Großer Brachvogel, 88 BP Kiebitz, 134 BP Feldlerche) und hat eine hohe Bedeutung als Jagdgebiet für verschiedene Fledermausarten.

Unserer Auffassung nach werden in den Bebauungsplänen und bei der Kompensationsplanung verschiedene Punkte unzureichend berücksichtigt.

Nach den Empfehlungen des Niedersächsischen Landkreistages (NLT 2011) sollten zu Vogelrastgebieten landesweiter Bedeutung Abstände von 1200 m eingehalten werden und bei wichtigen Fledermausjagdgebieten für eingriffssensible Arten der Offenlandschaft (Gr. und Kl. Abendsegler, Rauhautfledermaus, Breitflügelfledermaus) Abstände von 500 m eingehalten werden.
Nach den Empfehlungen des NLT (2011) sollten Vorrangstandorte für Windenergie nur dann ausgewiesen werden, wenn eine besondere Bedeutung dieser Gebiete für den Schutz der Avifauna und der Fledermäuse ausgeschlossen werden können.
Die Landesarbeitsgruppe der Vogelschutzwarten empfiehlt bei Rastgebieten von landesweiter Bedeutung ebenfalls einen Abstand von 1200 m.
Diese Abstandsempfehlungen werden bei den Planungen im Bereich Sannauer Helmer überhaupt nicht berücksichtigt.

Es ist bei den Brut- und Rastvögeln davon auszugehen, dass die Anlagen auf dem Gebiet von Lemwerder auch Auswirkungen auf die Rastbestände der Vögel und die Brutbestände der Wiesenvögel auf dem Gebiet von Ganderkesee haben und umgekehrt. Gerade eine Wiesenvogelart mit großem Raumanspruch, wie der Große Brachvogel (die Reviere sind über 50 ha groß) hat im Grenzbereich der beiden Gemeinden seine Brutreviere. Bei den Rastplätzen des Kiebitzes ist sehr wahrscheinlich davon auszugehen, dass diese von Jahr zu Jahr wechseln. Eine Bewertung der Auswirkungen auf die Vögel für den Gesamtraum wäre daher besser gemeinsam vorgenommen worden und hätte die Bearbeitung der Unterlagen für die Beteiligten und die interessierte Öffentlichkeit wahrscheinlich erleichtert.

In der Arbeitshilfe des Niedersächsischen Landkreistages zum Naturschutz und Windenergie (NLT 2011-S. 30) wird ausdrücklich auf die Kumulationswirkungen von Windkraftanlagen hingewiesen, die gleichzeitig geplant werden. Der Schwellenwert zur zwingenden UVP-Pflicht (20 Anlagen) wird bei der gleichzeitigen Planung von 10 und 11 Windkraftanlagen (hier 3+11+19) überschritten und es ist damit eine gemeinsame vollumfängliche UVP durchzuführen. Ohne diese Voraussetzung dürfte ein Genehmigungsverfahren kaum erfolgreich zu bestehen sein.

Verschärfend kommt hinzu, dass es im Bereich Lemwerder auch noch die Straßenplanung für die B212n Teil 2 gibt, die ebenfalls starke Auswirkungen auf die Wiesenvögel und Gastvögel haben wird. Die Auswirkungen dieser Straßenplanung auf die Avifauna hätte man bei der Planung für diesen Windpark ebenfalls berücksichtigen müssen. Eine gemeinsame Bewertung der Auswirkungen der Planungen auf dem Gebiet der Gemeinde Ganderkesee und der Planungen auf dem Gebiet der Gemeinde Lemwerder auf die Avifauna würde es auch ermöglichen, die Kompensationsplanung gemeinsam für beide Gemeinden zu gestalten.

Neben dem Fehlen der Berücksichtigung von kumulativen Aspekten wird auch das Thema der biologischen Vielfalt in keiner Weise angesprochen.
Mögliche Vermeidungsmaßnahmen (z.B. Verlagerung einzelner WEA) werden unzureichend berücksichtigt.

Sowohl aus Sicht der Brutvögel, wie auch aus Sicht der Rastvögel ist die Zerstückelung der Kompensation in sehr viele kleine Einzelmaßnahmen kritisch zu sehen. Ein entscheidender Faktor für die Nutzung des Bereiches Sannauer Helmer als Brut- und Rastgebiet des Kiebitzes ist die Großflächigkeit und Strukturarmut dieses Grünlandgebietes. Wiesenbrüter unterliegen einem sehr hohen Prädationsdruck (Langemach & Bellebaum 2005). Der Kiebitz brütet daher oft kolonieartig, um besser potentielle Feinde (z.B. Greifvögel) abwehren zu können. Bei einem Vergleich verschiedener Wiesenvogelschutzprojekte in Niedersachsen hat sich gezeigt, dass Großflächigkeit und starke Vernässung entscheidende Faktoren für die Erfolgschancen beim Wiesenvogelschutz sind (Vortrag von Herrn Belting-Leiter des Life Projektes Wiesenvogelschutz in Niedersachsen bei der Tagung der NNA 2011 zum Wiesenvogelschutz).
Auch für Rastvögel müsste man eine große gemeinsame Kompensationsmaßnahme durchführen, um wieder einen Rastplatz des Kiebitzes von landesweiter Bedeutung herstellen zu können. Dies gilt auch für Gänserastplätze. Die Berechnungen des Kompensationsbedarfes ist in vielen Fällen nur schwer nachvollziehbar. Zum Teil bestehen starke Widersprüche zwischen den drei Bebauungsplänen. Insgesamt gesehen ist der Kompensationsbedarf aus unserer Sicht aber zu niedrig angesetzt, die vorgesehenen Flächen sind nur teilweise dafür geeignet und die vorgesehenen Maßnahmen sind gerade bei der Avifauna unzureichend (zu geringe Vernässung, zu hohe Beweidungsdichten).

Zur Beurteilung der Planungen wäre es für die Bürger und Verbände notwendig gewesen die Detailunterlagen der speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung (Formulare für die einzelnen Arten) für die B-Pläne 233 und 234 einzusehen.

Erläuterungen zu einzelnen Punkten:

Fledermäuse:
Das Gebiet hat eine hohe Bedeutung als Jagdgebiet für verschiedene Fledermausarten. Großer Abendsegler, Breitflügelfledermaus, Rauhautfledermaus und Zwergfledermaus nutzen das Gebiet sehr häufig als Jagdgebiet, vereinzelt auch der Kl. Abendsegler (Diekmann & Mosebach 2010). Gerade diese Arten jagen zumeist im hohen Luftraum und treten in der Statistik der Schlagopfer von Windenergieanlagen besonders häufig auf (Dürr 2012: z.B. 639 Ex. des Großen Abendseglers). Es ist daher davon auszugehen, dass die Errichtung des Windparks erhebliche Auswirkungen auf die Populationen von Großem Abendsegler, Breitflügelfledermaus, Zwergfledermaus und Rauhautfledermaus haben wird. Alle diese Fledermausarten zählen nach Anlage 1 der Bundesartenschutzverordnung zu den streng geschützten Tierarten. Nach § 44.Abs. 1 /Abs.2 des Bundesnaturschutzgesetzes ist es verboten besonders geschützte Tierarten zu verletzen oder zu töten und es ist verboten die streng geschützten Arten während der Fortpflanzungs- und Wanderungszeiten erheblich zu stören.
Man kann die Auswirkungen von Windenergieanlagen auf Fledermäuse durch entsprechende Abschaltzeiten sehr stark mindern (Brinkmann et al. 2011). Im Bebauungsplan wird aber nur ganz allgemein von temporären Abschaltzeiten gesprochen, die nicht näher erläutert werden. Unserer Meinung nach darf der Windpark aber nur mit einer Festlegung konkreter Abschaltzeiten (nächtliche Abschaltung zwischen April und Oktober bei Windgeschwindigkeiten unter 8m/s) genehmigt werden. Wenn keine Abschaltzeiten festgelegt werden, wird durch den Bau des Windparks der § 44. Abs.1 des Bundesnaturschutzgesetztes verletzt und die Populationen der betroffenen Fledermausarten erheblich beeinträchtigt.
Wenn bei den Begleituntersuchungen in Zukunft festgestellt wird, dass Teilbereiche des Gebietes nicht als Jagdgebiet von den Fledermäusen genutzt werden, besteht ja die Möglichkeit diese Abschaltzeiten in Teilbereichen oder zeitlich wieder zu verändern. Dazu müssten aber erst konkrete neue Untersuchungsergebnisse vorgelegt werden.
Bei den Fledermäusen wird in den Bebauungsplänen von Ganderkesee von einer Funktionsminderung von Jagdgebieten besonderer Bedeutung im Nahbereich der WEA ausgegangen und diese Funktionsminderung als erhebliche Beeinträchtigung bewertet. Der Kenntnisstand zu Meidungsreaktionen ist zwar widersprüchlich. Unter Vorsorgeaspekten wird hier jedoch ein Meidungsradius von 100 m pro WEA angenommen. Da es sich aber nicht um eine vollständige Meidung handele, wird ein Kompensationsfaktor von 0,5 angesetzt (s. hierzu auch die Anmerkungen bei den Brutvögeln). Bei einem Verlust von gerundeten 1.5 ha pro WEA wird somit ein Kompensationsbedarf von insgesamt 21 ha für die Fledermäuse errechnet.

Im Bebauungsplan von Lemwerder wird, obwohl die Jagdgebiete nicht weniger bedeutend sind, kein Kompensationsbedarf für die Fledermäuse ermittelt. Auch hier müsste aber bei den Fledermäusen von einer Funktionsminderung durch die WEA ausgegangen werden.


Rastvögel:
Das Gebiet in Ganderkesee hat vor allem eine hohe Bedeutung als Rastgebiet für den Kiebitz mit maximal 3510 Individuen. Nach (Krüger et al. 2007) erreicht das Planungsgebiet damit die Bedeutung eines Rastplatzes von landesweiter Bedeutung für den Kiebitz. Außerdem treten zeitweise auch größere Trupps der Saatgans (bis zu 550 Ex.)im Untersuchungsgebiet auf.

Rastende Vögel reagieren auf Windenergieanlagen empfindlicher als Brutvögel, so werden beim Kiebitz starke Störwirkungen von Windenergieanlagen auf Rastplätze von 200 bis 300 m festgestellt (Hötker et al. 2004, Steinborn et al. 2011). In der „Speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung“ im Zusammenhang mit dem B-Plan 1-31 in Lemwerder werden nach Brook et. al. (2007) sogar 350 – 400 m angegeben. Es ist daher zu erwarten, dass das Gebiet des Windparks Sannauer Helmer in Zukunft als Rastgebiet für den Kiebitz keine Bedeutung mehr haben wird. Dass unter Vorsorgeaspekten auch von einer vollständigen Meidung durch größere Kiebitztrupps auszugehen ist räumen auch die Gutachter ein. Eine nur teilweise Entwertung trifft offensichtlich nur für kleine Trupps zu. Allerdings wird nicht dargestellt, was unter großen oder kleinen Trupps zu verstehen ist.

Als Kompensationsmaßnahme für den Kiebitz sind in der Teilfläche E 52 auf einer Fläche von 10 ha Extensivierungsmaßnahmen und Vernässungsmaßnahmen geplant. Die Berechnung des Kompensationsumfanges ist für uns nicht nachvollziehbar. Ein Verweis auf die Untere Naturschutzbehörde, die diesen Kompensationsbedarf ermittelt hätte, kann nicht als ausreichend betrachtet werden. Bei langjährigen Rastvogelzählungen (14 Jahre) in Kompensationsmaßnahmen im Bereich des Ochtumunterlaufes (weniger als 5 km östlich des geplanten Windparkes) wurden auf einer 30 ha großen überstauten und extensivierten Fläche maximal 580 Kiebitze gezählt, in der Mehrzahl der Untersuchungsjahre lag der maximale Rastbestand dort bei weniger als 300 Individuen (Handke 2012). Roßkamp konnte auf einer 11 ha großen sehr nassen Wasserfläche 2012 bis zu 400 Kiebitze zählen und auf einer 18 ha großen vernässten Kompensationsfläche in der Nähe des Ochtumsperrwerks 350 Ex. (Roßkamp 2011, 2012). Der Umfang der Vernässungsmaßnahmen auf der Kompensationsfläche wird in dem Kompensationskonzept für den Windpark Sannauer Helmer nicht näher beschrieben. In dem Gutachten Selbst bei maximaler Vernässung, sind auf der ca. 10 ha großen Kompensationsfläche E 52 in Zukunft aber nicht mehr als 300 Exemplare zu erwarten. Aktuell wurden dort aber schon 50 bis 150 Individuen gezählt. Darüber hinaus bestehen Zweifel ob ein deutlicher Vernässungsgrad auf der genannten Fläche überhaupt erreichbar ist. Die Maßnahme E 52 ist unserer Meinung nach für einen Kiebitzrastplatz von landesweiter Bedeutung mit bis zu 3500 rastenden Individuen völlig unzureichend.

Für die Kompensation der Rastbestände des Kiebitzes werden in Lemwerder 20 ha veranschlagt. Nur einem kleinen Teilen der überplanten Fläche wurde hier eine landesweite Bedeutung für den Kiebitz zugesprochen, der überwiegende Bereich hat regionale Bedeutung. Auch hier fehlt eine nachvollziehbare Erläuterung der Berechnung des Kompensationsbedarfes. Die hierfür vorgesehenen Ausgleichsflächen in der Ochtumniederung können aufgrund des Fehlens eines strukturarmen Umfeldes und der Störungen durch die Naherholung nicht als ein geeignetes Rastgebiet für große Kiebitzschwärme (1000-2000 Ex.) angesehen werden. Das Gebiet wird am Rande durch einen Deich begrenzt, dessen Wege z.T. der Naherholung dienen. Garniel & Mierwald (2010) geben beim Kiebitz Funktionsminderungen bezüglich der Eignung als Habitat in der Nähe von regelmäßig benutzten Fußgänger- und Radwegen mit bis zu 400m an. Westlich direkt hinter dem Deich befinden sich dörfliche Strukturen. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass sich in diesem Bereich sehr große Kiebitzschwärme (1000 bis 2000 Ex.) einstellen werden, obwohl gute Vernässungsmöglichkeiten vorhanden sind.

Außerdem wurden in dem Bereich des geplanten Windparks im Winter 2009/2010 bis zu 550 rastende Saatgänse gezählt. Auf die Saatgans wird aber bei der Kompensationsplanung nicht näher eingegangen. Gerade Gänse zeigen in Bezug auf Windenergieanlagen ein starkes Meidungsverhalten von mindestens 450 m (Hötker et al. 2004) und es ist davon auszugehen, dass die gesamte Fläche des Windparkes in Zukunft als Rastplatz für Gänse keine Funktion mehr haben wird.

Brutvögel:
In dem Gebiet des geplanten Windparkes konnten u.a. 2 bis 5 Brutpaare Wachtel, 12 BP Kiebitz 2 BP Großer Brachvogel und 33 bis 45 BP Feldlerche festgestellt werden. Diese Vogelarten reagieren als Brutvögel auf Windenergieanlagen mit Meidungsentfernungen von 100 bis 200 m (Hötker et al. 2004, Steinborn et al. 2011), die Wachtel mit Meidungsentfernungen von 200 bis 250m (Steinborn et al. 2011). Als Kompensationsmaßnahmen sind verschiedene Einzelprojekte mit Extensivierung der Landwirtschaft und Vernässungsmaßnahmen geplant (Gesamtfläche ca. 32 ha.).

Es wäre möglich gewesen die Auswirkungen des geplanten Windparks auf die Avifauna zu reduzieren, wenn man Abstände zu den wichtigen Brutgebieten des Kiebitzes und der Wachtel im Nordwesten des Planungsgebietes eingehalten hätte. Dies ist leider bei der Planung nicht berücksichtigt worden. Die Anzahl und die Lage der einzelnen Windenergieanlagen wurde bei der Diskussion der Folgewirkungen auf die Avifauna überhaupt nicht in Frage gestellt. Im Hinblick auf die Energiewende ist es aber unerheblich ob diese Anlagen auf dem Gebiet von Ganderkesee oder Lemwerder aufgestellt werden.

Greifvogelarten zählen zu den Vogelarten, die die höchste Anzahl an Opfern bei Kollisionen mit Windrädern haben (Dürr 2012). Bei den Kompensationsplanungen auf dem Gebiet der Gemeinde Lemwerder sind für Mäusebussard und Turmfalke Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen, um diese Auswirkungen der Kollisionen auf die Populationen der beiden Arten auszugleichen. Es ist aber auch zu erwarten, dass auf dem Gebiet der Gemeinde Ganderkesee ein vergleichbares Risiko für die beiden Greifvogelarten entsteht, für das ebenfalls Kompensationsmaßnahmen durchgeführt werden müssten. Im Zusammenhang mit dem in der „Speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung“ ermittelten signifikant erhöhtem Kollisionsrisiko sollen Individuenverluste von Mäusebussard und Turmfalke durch eine erhöhte Vermehrungsrate ausgeglichen werden. Hierzu wird eine Verbesserung von Nahrungsgebieten durch Extensivierung angestrebt. Dieser Ausgleich soll über die vorgesehene Kompensationsmaßnahme für den Weißstorch (46 ha) abgedeckt werden. Die hier angestrebten Vernässungsmaßnahmen wirken sich aber sehr wahrscheinlich negativ auf die Kleinsäuger aus. Da beide Kompensationsziele hier im Widerspruch zueinander stehen, ist eine Kompensation auf der gleichen Fläche nicht möglich.

Bei der Berechnung des Kompensationsbedarfes von Kiebitz und Feldlerche wurde davon ausgegangen, dass ein Teil der Fläche zwischen den Windenergieanlagen von den Wiesenvögeln auch in Zukunft besiedelt wird und es wurde pauschal der Kompensationsbedarf mit dem Faktor 0,5 reduziert. Die genaue Berechnung dieses Faktors ist aber nicht näher erläutert. Ein Teil der Studien belegt zwar, dass auch innerhalb der Distanz von 100m um Windenergieanlagen Kiebitze stellenweise brüten (Steinborn et al. 2011). Andere Studien kommen aber auch zu dem Ergebnis von Störwirkungen bis in 200 m Entfernung um Windenergieanlagen (Hötker et al. 2004). Für die Feldlerche werden Minimalabstände von 50 – 150 m angegeben. Auch in diesem Falle wird von Hötker et al (2004) ein Minimalabstand von 100 m genannt. Für die Berechnung des Kompensationsumfanges halten wir daher eine Unterschreitung der Meidungsdistanz von 100m für nicht angemessen und daher den Faktor 0,5 bei der Berechnung des Kompensationsbedarfs ebenso nicht für gerechtfertigt.
Bei Kiebitz und Feldlerche würde demnach eine Fläche von ca. 44 ha (3,14 ha pro WEA x 14) als potentiell nutzbare Fläche für das zukünftige Brutgeschehen verloren gehen. Dies entspricht ca. 13 % der Fläche im Gebiet der B-Pläne Nr. 233 und 234 bzw. Plangebietes von Ganderkesee (insgesamt 396 ha). Dieser Berechnungsansatz für den Kompensationsbedarf wird jedoch nur zum Teil verfolgt. Ein zweiter Berechnungsansatz wird teilweise bevorzugt. Hier werden nur die über die Kartierungen innerhalb der Meidungszone tatsächlich ermittelten Brutpaare bzw. Brutreviere berücksichtigt. Wurden in den beiden Jahren unterschiedlich viele Reviere in der 100m Meidungszone um die WEA ermittelt, so wird teilweise der Mittelwert herangezogen teilweise wird der höhere Wert berücksichtigt. Für den Kiebitz wird eine Reviergröße von 1 ha pro Brutpaar bzw. Revier angenommen. Für den B-Plan 234 wurden 0 – 4 Brutpaare festgestellt, die in dem 100 m Meidungsbereich 2009 bzw. 2010 gebrütet hatten. Hier wird unter Vorsorgeaspekten für 4 Brutpaare eine 4 ha große Kompensationsfläche berechnet. Bei dem B-Plan 233 mit 2 – 8 Brutpaaren wird ein Mittelwert des Brutbestandes gebildet und ein Kompensationsbedarf von 5 ha (5 Brutpaare) errechnet. Unter Berücksichtigung des Vorsorgeaspektes müsste man auch bei dem B-Plan 233 be der Berechnung des Kompensationsbedarfes von dem höheren Brutbestand (8 Paare ausgehen).

Bei dem Bebauungsplan von Lemwerder wird ein dritter Ansatz bei der Kompensationsberechnung verfolgt. Für Brutpaare innerhalb eines 50 m Meidungsradius zu WEAs wird ein 1 ha großer Kompensationsbedarf angesetzt, während für die Paare, die im Umkreis von 50 – 100 m um Windenergieanlagen liegen, nur 0,5 ha angesetzt werden. So kommt man in Lemwerder bei 9 betroffenen Brutpaaren nur auf einen Kompensationsflächenbedarf von insgesamt 6 ha, während man in Ganderkesee bei 9 betroffenen Brutpaaren auf 9 ha Kompensationsfläche kommt! Durch die unterschiedlichen Berechnungsverfahren wird der Kompensationsbedarf beim Kiebitz in dem Bebauungsplan von Lemwerder noch niedriger berechnet als in Ganderkesee.

Bei der Feldlerche wird im B-Plan 234 aufgrund der hohen Siedlungsdichte das erste Berechnungsverfahren für den Kompensationsbedarf gewählt und der Flächenverlust für potentielle Brutreviere wird mit 16,5 ha ermittelt (3 ha je WEA und 11 WEA x 0,5). Ohne den strittigen Kompensationsfaktor 0,5 würde bei 3,14 ha Meidung pro WEA eine Fläche von 11x 3,14 ha = 34,5 ha benötigt werden. Dies gilt jedoch nur für den B-Plan Nr. 234. Für den Plan Nr.233 wird das zweite Berechnungsmodell für den Kompensationsbedarf angewendet, obwohl die Auswirkungen bzw. die 100 m Minderungszone noch bis in die Fläche von B-Plan 234 hineinreicht. Für ein Feldlerchenpaar wird eine Reviergröße von 0,8 ha zu Grunde gelegt. Bei nur einem betroffenen Brutpaar kommt man zu einem Kompensationsbedarf von 0,8 ha, während man bei dem ersten Berechnungsmodell zu einem Bedarf von 3,14 ha kommen würde. Beim Kompensationskonzept von Lemwerder werden für 4 betroffene Brutpaare der Feldlerche keine Kompensationsflächen festgelegt, da aufgrund der wenigen Brutpaare und des guten Erhaltungszustandes der lokalen Population Beeinträchtigungen der Fortpflanzungsstätten vermutet werden (spezielle artenschutzrechtliche Prüfung S.56). Da die lokale Population der Feldlerche in den drei Bebauuungsplänen aber als eine Einheit angesehen werden muss, müsste insgesamt ein einheitlicher Kompensationsbedarf von 3,14 ha je betroffenen Brutpaar angesetzt werden.

Der Große Brachvogel wird im Kompensationskonzept von Ganderkesee mit 6ha Kompensationsbedarf berücksichtigt. Eine Funktionsminderung von 2 Brutrevieren wurde nur auf den Flächen des B-plans 234 festgestellt. Die eigentlichen Revierzentren liegen auf dem Gebiet von Lemwerder. (S. 11 Begründung P-Plan 234 Ganderkesee). Die Gutachter stellen für Lemwerder eine zeitweise Verdrängungswirkung bei den 2 Brutrevieren fest. Eine erhebliche Störung sei nicht auszuschließen. Unter Vorsorgeaspekten ist dort eine Kompensation für eine eventuelle Verdrängung der Brutpaare vorgesehen (2 x 15 ha). Unter Berücksichtigung der Bundesstraße B212n Teil 2 , die zur Zeit auch im Gebiet des B-Planes 1 -31 Lemwerder geplant wird und deren Beeinträchtigungen sich bis in des Plangebiet von Ganderkesee auswirken werden, muss man davon ausgehen, dass die beiden Brachvogelreviere aus dem Planungsgebiet verdrängt werden. Nach dem Gutachten von Garniel & Mierwald (2010) ist entlang von stark befahrenen Straßen mit starken Störungswirkungen bis zu einer Entfernung von 400 m zu rechnen. Eine vorgesehene Kompensation für 2 Brutreviere des Großen Brachvogels von 2 x 15 ha durch Lemwerder sowie 6 ha durch Ganderkesee erscheint uns daher nicht für ausreichend. Reviergrößen werden beim Brachvogel mit 30 – 50ha angegeben, können aber auch bei bis zu 70 ha liegen. Es ist es mehr als fraglich, ob bei einer getrennten Ausgleichsflächenplanung für die 2 Brachvogelpaare mit kleinen Kompensationsflächen, die weit voneinander entfernt liegen, für diese Art ein geeigneter Ersatzlebensraum geschaffen wird. An diesem Beispiel wird die Notwendigkeit einer gemeinsamen Kompensationsplanung mehr als deutlich.


Die Wachtel reagiert auf Windenergieanlagen besonders empfindlich (Müller & Illner 2001, Reichenbach et al. 2004). Es wird vermutet, dass es bei den Rufen der territorialen Männchen zu Überlagerungen durch die Geräusche der Windkraftanlagen kommt. Bei dieser Art ist von Meidungsdistanzen von 200-250 m auszugehen. Daher muss man damit rechnen, dass das Gebiet des Windparks nicht mehr von der Wachtel besiedelt wird. Bei der Kompensationsplanung der Gemeinde Ganderkesee wird 1 BP Wachtel berücksichtigt (B-Plan Nr. 233). 4,5 ha Ausgleichsfläche werden für ausreichend angesehen. Aus der Karte 3 (Brutvorkommen der Wachtel) geht aber hervor, dass von den Windenergieanlagen 4-5 Paare (2010) betroffen sein können. Daher müsste dieser Wert auch die Grundlage für die Berechnung der Kompensationsmaßnahmen darstellen. Aufgrund des hohen Raumbedarfes der Wachtel sind auf dem Gebiet der Gemeinde Lemwerder 10 ha Kompensationsfläche je Brutpaar vorgesehen. Nimmt man diesen Wert als Grundlage kommt man auf Extensivierungsmaßnahmen auf einer Fläche von 40-50 ha. Warum der Raumbedarf auf dem Gebiet der Gemeinde Ganderkesee mit 1ha/je Brutpaar um das zehnfache niedriger angesetzt wird, ist nicht nachvollziehbar.

Bei der Beschreibung der Kompensationsflächen ist der aktuelle Zustand dieser Flächen (insbesondere der aktuellen Nutzung) teilweise sehr allgemein beschrieben. Dies macht es schwierig nachzuvollziehen, ob durch die zukünftigen Auflagen für die landwirtschaftliche Nutzung wirklich eine Aufwertung der Flächen erfolgt, oder ob es sich bei den Maßnahmen um eine Bestandssicherung handelt. So wurden z.B. in der Kompensationsfläche E16, die als Grünland genutzt wird, bereits brütende Kiebitze festgestellt und auch die Flächen am Hohenbökener Moor (G1) werden schon relativ extensiv genutzt. Es stellt sich daher die Frage, ob man diese Fläche bezüglich des Kompensationsumfanges in vollem Umfang anrechnen kann.

Der Reproduktionserfolg der bodenbrütenden Wiesenvögel ist sehr stark von der Intensität der landwirtschaftlichen Nutzung abhängig, da bei zu intensiver Landwirtschaft viele Gelege durch Viehtritt oder die Bearbeitung der Flächen zerstört werden. Daher zählen bei Kompensationsmaßnahmen überall die Einschränkung der landwirtschaftlichen Nutzung zu den wichtigsten Maßnahmen (z.B. Köster 2003, Schoppenhorst 1997, Hochschule Vechta 2008).
In den Kompensationsflächen für den Windpark Sannauer Helmer ist u. a geplant die Beweidungsdichte in den beweideten Flächen bis zum 15. Juni auf drei Tiere/ha zu begrenzen und auf 1 bis 3 % der Fläche Vernässungsmaßnahmen durchzuführen.
Der Wert für die Beweidungsdichte ist unserer Meinung nach zu hoch angesetzt (in vielen Gebieten Norddeutschlands wird in Wiesenvogelschutzgebieten die Beweidungsdichte auf 2 Tiere/ha begrenzt: z.B. Kompensationsmaßnahmen in Bremen: LFB (1997): Pflegeplan für die Kompensationsmaßnahmen für die Baggergutdeponie, Köster (2003): Wiesenvogelschutzgebiete in Schleswig-Holstein, Hochschule Vechta 2008- Stollhamer Wisch). Mit einer Beweidungsdichte von 3 Großvieheinheiten/ha werden unserer Meinung nach unnötige Gelegeverluste der Wiesenbrüter riskiert.

Bei den Vernässungsmaßnahmen ist die Anlage von Blänken geplant, die bis zum 31.3. Wasser führen sollen. Dieser Zeitraum ist unserer Meinung nach viel zu kurz angesetzt. Der Kiebitz profitiert so nur bei der Ansiedlungsphase zu Beginn der Brutzeit von den Vernässungsmaßnahmen. Es ist aber auch wichtig, dass bei der Aufzucht der Jungen feuchte Flächen zur Nahrungssuche zur Verfügung stehen. Man muss auch immer davon ausgehen, dass ein Teil der Gelege durch Prädation verloren geht und die Kiebitze Nachgelege anlegen müssen. Falls die Flächen bei fehlenden Niederschlägen aber völlig abtrocknen, wandern die Kiebitze sehr wahrscheinlich in andere Gebiete ab und die Kompensationsflächen sind dann nicht mehr als Brutgebiet für den Kiebitz geeignet. Daher sollten in den Kompensationsflächen Vernässungsmaßnahmen durchgeführt werden, die dafür sorgen, dass die Flächen auch zur Zeit der Aufzucht der Jungvögel des Kiebitzes bis Mitte/Ende Mai ausreichend feucht sind (z. B. Wiesenvogelschutzprogramm im Ochsenmoor am Dümmer-Vortrag von Frau Marxmeier-Naturschutzring Dümmer über „wet spots“bei der Tagung zum Wiesenvogelschutz im April 2012 in Osnabrück).

Brinkmann, R., O. Behr, I. Niermann & M. Reich (2011): Entwicklung von Methoden zur Untersuchung und Reduktion des Kollisionsrisikos von Fledermäusen an Onshore-Windenergieanlagen. Schriftenreihe Institut für Windenergieanlagen 4: 1-457.
Dürr.

Dürr, T. (2012): Zentrale Fundkartei über Anflugopfer an Windenergieanlagen. Online-Datenbank (Stand 2012).

Garniel, A.,Daunicht, W.D., Mierwald, U. & U. Ojowski (2007): Vögel und Verkehrslärm, Quantifizierunmg und Bewältigung entscheidungserheblicher Auswirkungen von Verkehrslärm auf die Avifauna, EuF-Vorhaben, BMVBS, 02.237/2003/LR, Bonn, Kiel

Garniel, A. & U. Mierwald (2010): Arbeitshilfe Vögel und Straßenverkehr. FE 02.286/2007/LRB der Bundesanstalt für Straßenwesen. „Entwicklung eines Handlungsleitfadens für Vermeidung und Kompensation verkehrsbedingter Wirkungen auf die Avifauna“.

Handke, U. (2012): Integriertes Erfassungsprogramm Bremen 2010 bis 2013: Dokumentation der Ergebnisse 2012 – Rastvogelzählungen Rastpolder Duntzenwerder und Tidebiotop Vorder- und Hinterwerder. Unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag der Hanseatischen Naturentwicklung GmbH. 22 S.

Hochschule Vechta (2008): Nachhaltige Sicherung der Biodiversität in bewirtschafteten Grünlandgebieten Norddeutschlands am Beispiel der Wiesenvögel in der Stollhammer Wisch (Landkreis Wesemarsch, Niedersachsen) einem Gebiet mit gesamtstaatlich hoher Bedeutung für den Artenschutz. Gutachten im Auftrag der DBU. 198 S.

Hötker, H., K.M. Thomsen & H. Köster (2004): Auswirkungen regenerativer Energiegewinnung auf die biologische Vielfalt am Beispiel der Vögel und der Fledermäuse-Fakten, Wissenslücken, ornithologische Kriterien zum Ausbau von regenerativen Energiegewinnungsformen. Gutachten im Auftrag des BFN. 80 S.

Köster, H. (2003): Grünlandextensivierung und Wiesenvögel. Erfahrungen aus Schleswig-Holstein. In : K. Reiter, A. Schmidt & U. Stratmann: Grünlandextensivierung nicht vor dem 15. Juni. Dokumentation einer Tagung des Bundesamtes für Naturschutz und des Naturschutzzentrums Hessen am 16. /17. September 2003: 21-26.

Langemach, T. & J. Bellebaum (2005): Prädation und der Schutz bodenbrütender Vogelarten in Deutschland. Vogelwelt 126: 259-298.

Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (LAG-VSW) (2007): Abstandsregelungen für Windenergieanlagen zu bedeutsamen Vogellebensräumen sowie Brutplätzen ausgewählter Vogelarten. Berichte zum Vogelschutz 44: 151-153.

LFB (1997): Pflegeplan für die Kompensationsmaßnahmen der integrierten Baggergutentsorgung Bremen-Seehausen. Unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag des Hafenamtes Bremen. 62 S.

Müller, A. & H. Illner (2001): Beeinflussen Windenergieanlagen die Verteilung rufender Wachteln und Wachtelkönige ? Tagungsband der Fachtagung: „ Windenergie und Vögel-Ausmaß und Bewältigung eines Konfliktes“ 29./30.11.2001, Berlin.

Niedersächsischer Landkreistag (NLT) (2011): Naturschutz und Windenergie. 33 S.

Regionalplan & UVP Planungsbüro Peter Stelzer GmbH (2012): Windpark Ganderkesee –Fachbeitrag zur artenschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigung Kiebitz-Rastvogellebensräume . Stand 7.Mai 2012.

Reichenbach, M., K. Handke & F. Sinning (2004): Der Stand des Wissens zur Empfindlichkeit von Vogelarten gegenüber von Störungswirkungen von Windenergieanlagen. Bremer Beiträge für Naturkunde und Naturschutz 7: 229-243.

Roßkamp, T. (2011): Monitoring der Kompensationsflächen „Südlich Duntzenwerder“. Unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag des Landkreises Wesermarsch. 13 S.

Roßkamp, T. (2012): Monitoring der Kompensationsflächen „Dobben“. Unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag des Landkreises Wesermarsch. 21 S.

Schoppenhorst, A. (1997): Auswirkungen der Grünlandextensivierung auf den Bruterfolg von Wiesenvögeln im Bremer Raum. Bremer Beiträge zur Naturkunde 1: 117-124.

Steinborn, H., M. Reichenbach & H. Timmermann (2011): Windkraft-Vögel-Lebensräume. Ergebnisse einer siebenjährigen Studie zum Einfluss von Windkraftanlagen und Habitatparametern auf Wiesenvögel. ARSU GmbH. 344 S,